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Yoga Delight Blog

Thema für meinen ersten Blogbeitrag sollte mein zweiter Trip nach Indien sein, sechs Wochen Goa, in welchen ich ein Teacher Training bei meinem Lehrer Balu machte. Der Inhalt war mir bei meiner Abreise nicht klar, wenige Tage nach meiner Ankunft allerdings schon, nämlich „the money problem“. Nein, es war nicht so, dass ich mich mit meinen Finanzen verkalkulierte, „the money problem“ heisst, es gab einfach kein Bargeld mehr in Indien. Die Regierung hatte kurz vor meiner Anreise alle 500 und 1000 Rupienscheine entwertet, der Grund: das viele zurückgelegte Schwarzgeld sollte zu Altpapier werden. Deswegen kam diese Maßnahme unangekündigt über Nacht und Geld war plötzlich nichts mehr wert. Wie man sich vorstellen kann, beansprucht der Druck neuer Scheine für ein Land in der Größe Indiens seine Zeit, und kalkuliert man ein, dass dies in Indien stattfindet, kann man noch ein paar Tage dazu zählen – wenn man optimistisch ist. In der Realität sind es jedoch ein paar Wochen. Aber wie ist es, in einem Land gestrandet zu sein, in dem niemand mehr etwas bezahlen kann? Egal, wie viele Reisen man gemacht hat, diese Erfahrung war jedem neu.

Einige Läden nahmen die alten Scheine zwar an, doch selbst an diese kam man nur bedingt – maximal 20 Euro, die ewiges Schlange stehen am Geldautomaten erforderten, vielfaches Herumirren von leerer ATM zu leerer ATM und die kontinuierlichen Gespräche über „the money problem“: Wer hat wo wann Geld bekommen, wer konnte bisher was bezahlen, wer hat sich wo Geld geliehen, wer konnte was anschreiben lassen. Mit Karte kann man auf Goa so gut wie nirgendwo zahlen und ein Konto besitzen viele Inder ebensowenig. Ich kam also an und war wirklich gestresst, hatte ein wenig Geld wechseln können, aber musste drei Tage später zusehen, wie ich an neues Bargeld komme, um zumindest etwas zu Essen kaufen zu können. Ich kann nicht gut damit leben, wenn ich weiß, dass ich jemandem Geld schulde – plötzlich schuldete ich diversen fremden Leuten jede Menge Geld und hatte keinerlei Möglichkeit es zurück zu zahlen. Ich war beunruhigter als meine „Gläubiger“, denn jeder wußte: Ich kann einfach nicht, ebensowenig wie jeder andere Tourist. Es gibt so gut wie kein Bargeld mehr. Punkt.

Die Inder reagierten unglaublich mitfühlend, obwohl sie die meisten Einbußen hatten, da sämtliche Touristen nicht mehr als das Nötigste kauften, in Unterkünften und Restaurants anschreiben ließen und die Besitzer nicht wussten, ob sie das Geld je wieder sehen würden. Und viele sahen es sicherlich auch nie wieder, doch das war für sie nicht das Ende der Welt, das war jetzt einfach so. Irgendwann entspannte ich mich in dieser Ungewissheit und dachte – naja, dann muss ich halt noch abwarten. Wird ja nicht für immer so bleiben, irgendeine eine Lösung findet sich immer und uns hatte keine Naturkatastrophe heimgesucht, wir hatten einfach nur kein Geld. Niemand von uns. Wochenlang gab es überall nur ein Thema, das alle vereinte – „the money problem“. So entstand unter fast Fremden eine Art Teamwork und Vertrauen: Wir gaben uns gegenseitig unsere Visa-Karten inklusive PIN, damit nur einer zur ATM fahren musste, tätigten im Gemeinschaftsauftrag Anrufe bei Banken und Western Union, halfen uns gegenseitig aus. Wir mussten unseren Konsum auf das wirklich Wesentliche reduzieren, was eine ganz andere Liga ist, als einfach nur sparsam zu reisen. Es entstand eine besondere Form von Zusammenhalt, unabhängig von Herkunft und Nationalität. Selbst Sympathie spielte eine untergeordnete Rolle im „money problem“. Alles, was zählte, war: Wie machen WIR das jetzt? Und so lange wir gesund sind, haben wir doch kein richtiges Problem, sondern nur eine Herausforderung, die vielleicht nervt und Zeit frisst, uns aber wiederum kreativ werden lässt.

So sehr mich all dies am Anfang beunruhigte, um so dankbarer bin ich jetzt für diese neue Erfahrung. Ich entwickelte eine ganz besondere Gelassenheit gegenüber Dingen, die ich einfach nicht ändern kann, die mich aber zwangen, jeden Tag aufs Neue nach Lösungen zu suchen und zu merken, was geht, wenn alle miteinander und nicht gegeneinander arbeiten. Die Inder hätten uns das Leben auch schwer machen können, haben sie aber nicht, und dadurch sicherlich einige Male den Kürzeren gezogen, ohne sich darüber Gedanken zu machen. Denn, wie mein Lehrer Balu sagte, am Ende werden wir alle zu Asche, also warum sollten wir unsere Zeit auf Erden mit Sorgen, Gier, Neid oder Hass versauern, anstatt einfach nur mal glücklich zu sein mit dem, was ist, ohne sich darüber zu grämen, was noch kommen kann.

Arambol, Goa, India, 22.11.2016